

Kurz vor Mitternacht treffen wir uns an der Talstation der Gemmibahn in Leukerbad und in wenigen Minuten soll es losgehen zur Wandernacht. Im Vorfeld hatte sogar der Walliser Bote über unsere Tour berichtet.
Bereits im letzten Jahr war Ylva Zeller als Wanderleiterin mit dabei. Aufgrund der grossen Nachfrage haben wir dieses Jahr noch Michèle Glauser als Wanderleiterin an Bord. Wir haben gemeinsam die umfangreiche Ausbildung zur Wanderleiterin beim Schweizer Bergführerverband gemacht und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Ein perfektes Team für diese Nacht. 🌙
Die Luft hat sich nach den letzten richtig heissen Sommertagen wunderbar abgekühlt, also perfekt, um die kühle, klare Bergluft so richtig tief einzuatmen. Wir teilen uns in drei kleinere Gruppen auf und wandern mit jeweils einigen Minuten Abstand los Richtung Gemmi-Wand. Es dauert nicht lange, bis die erste Gruppe von der Dunkelheit verschluckt wird. Von unten sieht man nur noch das regelmässige, ruhige Band aus kleinen Leuchtpunkten der Stirnlampen, das sich Kehre für Kehre über die unzähligen Serpentinen des Felsenwegs nach oben schraubt.
Unter uns leuchten die Lichter von Leukerbad, aber im Dorf ist es bereits absolut still. Keine Autos, keine Alltagsgeräusche. Nur wir, der Rhythmus unserer eigenen Schritte und die Nacht. Am Himmel funkeln die ersten Sterne, während in den umliegenden Bergen noch die Wolken der Gewitter hängen, die bis am späten Abend übers Wallis gezogen sind. Wir haben Glück und bleiben verschont – nur ab und zu rollt ein tiefes Donnergrollen zu uns herüber, das uns auf eine ganz bodenständige Art daran erinnert, wie klein wir in dieser mächtigen Natur eigentlich sind.
Ein absolutes Highlight für alle ist unsere längere Pause an der Schmitte. Hier geben wir das Kommando: Stirnlampen aus. Erst mal tief durchatmen und ankommen. Ohne das künstliche Licht wird die Dunkelheit und die enorme Stille der Bergwelt plötzlich spürbar. Der Blick wird frei für den Nachthimmel: Der fast volle Mond leuchtet unglaublich klar, und die Sterne sind so deutlich zu sehen, wie man es im Tal unten gar nicht mehr kennt. Ein Moment zum Geniessen und Loslassen. Wäre uns der Wind hier oben nicht irgendwann ein bisschen zu frisch um die Nase geweht, wären wir vermutlich noch viel länger einfach so dagesssen und hätten in den Himmel geschaut. Aber wir haben ja noch einiges vor.
Nach ca. drei Stunden erreichen wir den Gemmipass auf 2'350 m ü. M.und machen uns an die Umrundung des Daubensees. Am Zufluss des Sees, dem Lämmerendalu, ändert sich die Kulisse komplett: Das Wasser rauscht hier imposant über die Felsen. Im Dunkeln hört sich das Tosen noch viel kraftvoller an als tagsüber. Ein intensiver Kontrast zum folgenden Seeufer, das wir kurz darauf erreichen. Hier scheint die Natur plötzlich komplett stillzustehen. Keine Geräusche, Stille umgibt uns.
Es ist 04:30 Uhr. Die schlaflose Nacht macht sich in den Knochen langsam bemerkbar, die Müdigkeit wird spürbar. Jetzt ist noch einmal volle Konzentration gefragt, denn der schmale Weg unterhalb des Daubenhubels verlangt im abschüssigen Gelände sichere, bewusste Schritte.
Am Seestutz, bevor wir das Ostufer erreichen, erleben wir unser Highlight: der lang ersehnte Sonnenaufgang. Ein pastellfarbenes Wolkenspiel zeichnet den Himmel in den schönsten Orange- und Rosatönen. Alle Blicke sind nach Osten gerichtet. Manche machen es sich im Gras gemütlich, um den Moment einfach aufzusaugen, andere bekommen die Handykameras gar nicht mehr weg von diesem Panorama. Nach den dunklen Nachtstunden und der Anstrengung des Aufstiegs ist dieser Anblick einfach die grösste Belohnung. Der Kopf wird komplett frei, man vergisst die Müdigkeit für einen Moment und geniesst einfach nur.
Bevor es zum wohlverdienten Frühstück geht, wartet an der Gemmi Lodge noch das Finale auf uns: das überwältigende 4000er-Panorama. Die vergletscherten Gipfel der Mischabelgruppe mit dem Dom, das Weisshorn, das weltberühmte Matterhorn und die Dent Blanche werden von der Morgensonne in ein zartes Rosa getaucht. Ein Anblick der Superlative.

Hungrig und müde nehmen wir uns danach das Frühstücksbuffet in der Gemmi Lodge in Angriff. Egal ob herzhaft oder süss, das Buffet lässt keine Wünsche offen, und der heisse Kaffee weckt sofort die Lebensgeister wieder.
Zurück ins Tal geht es im Anschluss ganz entspannt mit der Gemmi-Bahn. Und selbst das wird noch mal zum Erlebnis: Viele aus der Gruppe kannten den Weg bisher noch gar nicht bei Tageslicht. Als sie jetzt aus der Gondel nach unten schauen, kommen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie eine lange, kunstvoll gewundene Linie zieht sich der Wanderweg tief unter uns durch die steile Gemmi-Wand, genau die Felsen, durch die wir vor wenigen Stunden noch in absoluter Dunkelheit Schritt für Schritt hochgelaufen sind. Jetzt schweben wir mühelos darüber hinweg.
Die Schweizer Wandernacht ist eine Initiative der Schweizer Wanderwege und fand dieses Jahr bereits zum 20. Mal statt. maremountain war mit dieser Tour zum zweiten Mal mit dabei. Ich danke allen, die diese schlaflose Nacht mit uns geteilt haben – es ist jedes Mal wieder ein ganz besonderes Erlebnis mit tollen Menschen und Momenten, die bleiben. Ich freue mich schon jetzt aufs nächste Mal!
In diesem Sinne: move your body. calm your mind.