Trailrun zwischen Uttakleiv und Haukland

Rennend die Lofoten erkunden
Marina Kraus, Gründerin von maremountain, Wanderleiterin SBV und Entspannungstrainerin.
Marina Kraus
Outdoor
June 2026
Wer Trailrunning liebt und die Einsamkeit abseits der Massen sucht, findet auf der Runde zwischen den ikonischen Stränden von Haukland und Uttakleiv die perfekte Kulisse, um den Kopf frei zu bekommen. Zumindest im Frühling. Ein über das Loslassen starrer Pläne, das Finden neuer Wege und den echten Lofoten-Trail-Genuss.

Manche Tage fordern mich heraus, noch bevor ich den ersten Schritt auf den Trail gesetzt habe. Die Strassen im Norden Norwegens erzählen Geschichten von harten Wintern und tiefem Frost, die sich gerne in Form von spektakulären Schlaglöchern im Asphalt verewigen. Das Umfahren dieser Krater macht die ohnehin schon kurvenreichen Küstenstrassen hier oben zu einem ganz unfreiwilligen, fast schon sportlichen Slalom-Training. Mein treuer Van und ich meistern das an diesem Morgen zwar mit Bravour und einer gehörigen Portion Humor, aber es braucht volle Konzentration.

Anstatt mich von der holprigen Anfahrt stressen zu lassen, schalte ich einfach innerlich einen Gang runter. Am Parkplatz des Haukland Strandes angekommen, atme ich erst einmal tief durch und richte meinen Fokus ganz bewusst neu aus. Die Parkgebühr von 40 Kronen bezahle ich mit einem dankbaren Lächeln – einfach froh und glücklich, an diesem magischen Ausgangspunkt zu stehen. Jeder Alltagsballast ist verflogen, die Konzentration gilt ab jetzt nur noch der Natur.

Rhythmus finden und an Höhe gewinnen

Der Trailrun startet direkt am Haukland Strand. Die ersten Schritte führen mich vorbei an der Einfahrt des Tunnels, der unter dem Bergmassiv hindurchführt. Ich wähle allerdings den bewussten Weg über den Pass. Zum Aufwärmen folge ich der kleinen Strasse Richtung Solstadvatnet – einem stillen See, den die meisten Badegäste unten am weissen Sandstrand überhaupt nicht wahrnehmen.

Kurz vor dem Ufer biege ich jedoch links ab und folge dem Wanderweg. In kurzen, knackigen Kehren gewinne ich schnell an Höhe. Die Bewegung wird langsamer, der Atem passt sich der Steigung an. Ehe ich mich versehe, stehe ich auf dem kleinen Passübergang Klumpan, wo mir der salzige Duft des Meeres um die Nase weht.

Intuition übernimmt Routenplanung

Eigentlich wollte ich den Klumpan-Pass direkt überschreiten, um nach Uttakleiv abzusteigen. Doch zu meiner Linken zweigt ein schmaler Pfad ab, der sich weiter in den Himmel schraubt. Und da Trailrunning auch mal bedeutet, starre Pläne spontan über den Haufen zu werfen laufe ich der nächsten Kuppe entgegen, um zu schauen, was dahinter liegt. Und ich werde nicht enttäuscht.

Der Weg präsentiert sich typisch nordisch – stellenweise etwas matschig, aber wunderbar flüssig zu laufen. Aus der „nächsten Kuppe“ wird schliesslich ein echter Gipfel: Ich stehe auf dem 400 Meter hohen Mannen. Der Ausblick, der sich mir hier bietet, ist absolut überwältigend. Tief unter mir schimmert das Wasser des Haukland Strandes in einem unwirklichen Türkiston, gesäumt von hellem Sand. Die norwegische Zeitung Dagbladet wählte ihn einst zum schönsten Strand des Landes. Ein Urteil, das ich sofort unterschreibe. Hinter mir ragt der Himmeltind empor, vor mir liegt der See Vasskarvatnet. Manchmal muss man einfach seiner Nase nachlaufen.

Wunderbare Schattenseiten

Nach einer kurzen Stärkung mache ich mich an den Abstieg. Anstelle von Schlaglöchern warten hier oben schlammige Pfade, gepaart mit den letzten Altschneefeldern des Frühlings. Das verlangt volle Fokussierung. Mein Laufstil erinnert in diesem Abschnitt vermutlich eher an einen Tanz auf rohen Eiern als an alpine Grazie, aber das bleibt unter uns. Am Ende komme ich sicher und unversehrt wieder am Klumpan-Übergang an und laufe zügig weiter Richtung Uttakleiv. Da wollte ich ja eigentlich hin, bin also wieder auf Kurs.

Wieder auf Meereshöhe angekommen, erreiche ich den Uttakleiv Strand. Im April und Mai herrscht hier eine wohltuende, fast meditative Leere. Nur vereinzelte Reisende geniessen in der Mittagssonne den Blick auf die charakteristischen, kugelrunden Felsen. Anstatt in der Sonne zu chillen, wird es für mich auf den nächsten Kilometern etwas frischer, denn mein Weg führt mich in den Schattenwurf der imposanten Veggen-Nordwand. Bei kühlen 6 °C Lufttemperatur heisst es: Kragen hochstellen, Fokus halten und das Zusammenspiel der Elemente spüren.

Der Kreis schliesst sich

Ich nutze die flache, historische Küstenstrasse für die Schlussetappe. Bis zur Eröffnung des Tunnels im Jahr 1998 war dieser Weg die einzige Verbindung nach Uttakleiv. Für Trailrunner ist das Teilstück ein absoluter Traum: flach, direkt am Ozean und perfekt, um die Beine locker rollen zu lassen. Als ich die westliche Flanke des Veggen umrunde, empfängt mich zum Glück wieder die wärmende Sonne. Mit sanftem Rückenwind laufe ich die letzten Meter aus.

Mit zehn Kilometern gehört diese Runde von Haukland nach Uttakleiv nicht zu den längsten Trails, die ich je gelaufen bin, aber definitiv zu den abwechslungsreichsten. Der ungeplante Abstecher zum Gipfel des Mannen war jeden zusätzlichen Höhenmeter wert. Eine Tour, die den Körper fordert und den Kopf absolut frei macht.

Marina Kraus, Gründerin von maremountain, Wanderleiterin SBV und Entspannungstrainerin.

Marina Kraus

maremountain trägt die Handschrift von Marina, die als Wanderleiterin SBV und Co-Präsidentin der ASAM-Sektion Oberwallis ihre tiefe Verbundenheit zum alpinen Raum und zum hohen Norden teilt.

Als Dipl. Tourismus- und Sportmanagerin vereint sie professionelles Business-Know-how mit der Leidenschaft für das echte Naturerlebnis, während sie als Entspannungstrainerin für die nötige Ruhe am Berg sorgt. Ob auf versteckten Pfaden im Wallis oder an den rauen Küsten Norwegens – Marina schafft Momente, die weit über den Gipfel hinausreichen und das Draussensein zu einer ganz persönlichen Erfahrung machen.
Mehr erfahren

MeerBerge Newsletter

Verpasse keine Touren mehr und hol dir die aktuellsten Magazin Artikel direkt in dein Postfach mit dem MeerBerge Newsletter von maremountain.
Thank you! Your submission has been received!
Oops! Something went wrong while submitting the form.
Hier findest du die Datenschutzerklärung.