

Mein Tag beginnt in Leysin. Schon von unten ist die markante Silhouette der Tour d’Aï nicht zu übersehen. Während die Gondelbahn der Berneuse sanft nach oben schwebt, spüre ich bereits, wie sich meine Atmung beruhigt. Oben angekommen, empfängt mich die frische Bergluft und der Blick auf den Lac d’Aï, der wie ein tiefblauer Saphir in der Landschaft liegt.
Hier oben ist die Welt noch in Ordnung. Ich lasse den Trubel der Bergstation schnell hinter mir und folge dem Pfad in Richtung des Bergsees. Es ist dieser Moment, in dem ich ganz im Hier und Jetzt ankomme. Das Gehen wird zum Rhythmus, und die sanften Alpwiesen bilden den perfekten Kontrast zu dem, was vor mir liegt: der steile, felsige Gipfelaufbau.
Der Weg zur Tour d’Aï ist kein gewöhnlicher Spaziergang. Je näher ich dem Gipfel komme, desto alpiner wird das Gelände. Der Pfad schlängelt sich geschickt durch die steilen Kalkfelsen. Hier ist volle Konzentration gefragt. Jeder Tritt muss sitzen, jeder Griff am Fels gibt mir Sicherheit.
In meinen Kursen zur Orientierung oder Trittsicherheit sage ich oft: Sicherheit entsteht im Kopf. Wenn wir lernen, uns auf unsere Sinne zu verlassen und ruhig zu bleiben, verliert das Exponierte seinen Schrecken. An der Tour d’Aï spüre ich das ganz deutlich. Es geht nicht darum, schnell oben zu sein, sondern darum, mit jedem bewussten Schritt Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen. Dieses Gefühl von „Ich schaffe das“ ist der erste Schritt zur inneren Klarheit.
Nach dem letzten, etwas steileren Stück stehe ich schliesslich am Gipfelkreuz auf 2331 Metern über Meer. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Die Welt unter mir ist winzig klein geworden. Vor mir breitet sich das Panorama in seiner vollen Pracht aus: Der Genfersee glänzt in der Ferne, die Dents du Midi ragen stolz empor und im Süden zeigen sich die weissen Riesen der Walliser Alpen, meine vertraute Heimat.
Hier oben nehme ich mir Zeit. Ich setze mich in das Gras, schliesse für einen Moment die Augen und lasse das Autogene Training wirken. Die Sonne auf der Haut, der Wind, der leise um den Gipfel streicht – das ist der Moment, in dem ich Energie tanke. Der Kopf wird frei, die Sorgen des Alltags verblassen. Das ist es, was ich unter „calm your mind“ verstehe.
Der Abstieg erfordert noch einmal meine volle Aufmerksamkeit, besonders im felsigen Teil. Doch mit der Ruhe im Rücken, die ich am Gipfel gefunden habe, fühlt sich jeder Schritt leicht an. Ich wähle für den Rückweg die Route über die Mayen, vorbei an den urchigen Alphütten, wo die Zeit stillzustehen scheint.
Müde, aber mit einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit kehre ich nach Leysin zurück. Die Tour d’Aï hat mir einmal mehr gezeigt: Wenn wir uns bewegen, kommt auch im Inneren etwas in Fluss. Die Mühen des Aufstiegs werden durch die gewonnene Sicherheit und die mentale Freiheit mehr als wettgemacht.
