Ein Tag an der Tour d’Aï

Eine Wanderung über den Dächern von Leysin zwischen Blumenwiesen und schroffen Felsen
Marina Kraus, Gründerin von maremountain, Wanderleiterin SBV und Entspannungstrainerin.
Marina Kraus
Outdoor
May 2026
Markant und steil ragt sie über Leysin empor und fordert von uns volle Aufmerksamkeit – Tour d'Aï. Doch genau hier liegt der Reiz: Wer sich ganz auf den Fels und den nächsten Tritt konzentriert, lässt den Ballast im Tal automatisch zurück. Eine Tour für alle, die das Alpine suchen und mit einem freien Kopf belohnt werden wollen.

Mein Tag beginnt in Leysin. Schon von unten ist die markante Silhouette der Tour d’Aï nicht zu übersehen. Während die Gondelbahn der Berneuse sanft nach oben schwebt, spüre ich bereits, wie sich meine Atmung beruhigt. Oben angekommen, empfängt mich die frische Bergluft und der Blick auf den Lac d’Aï, der wie ein tiefblauer Saphir in der Landschaft liegt.

Hier oben ist die Welt noch in Ordnung. Ich lasse den Trubel der Bergstation schnell hinter mir und folge dem Pfad in Richtung des Bergsees. Es ist dieser Moment, in dem ich ganz im Hier und Jetzt ankomme. Das Gehen wird zum Rhythmus, und die sanften Alpwiesen bilden den perfekten Kontrast zu dem, was vor mir liegt: der steile, felsige Gipfelaufbau.

Fokus und Vertrauen im Fels

Der Weg zur Tour d’Aï ist kein gewöhnlicher Spaziergang. Je näher ich dem Gipfel komme, desto alpiner wird das Gelände. Der Pfad schlängelt sich geschickt durch die steilen Kalkfelsen. Hier ist volle Konzentration gefragt. Jeder Tritt muss sitzen, jeder Griff am Fels gibt mir Sicherheit.

In meinen Kursen zur Orientierung oder Trittsicherheit sage ich oft: Sicherheit entsteht im Kopf. Wenn wir lernen, uns auf unsere Sinne zu verlassen und ruhig zu bleiben, verliert das Exponierte seinen Schrecken. An der Tour d’Aï spüre ich das ganz deutlich. Es geht nicht darum, schnell oben zu sein, sondern darum, mit jedem bewussten Schritt Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen. Dieses Gefühl von „Ich schaffe das“ ist der erste Schritt zur inneren Klarheit.

Ein Logenplatz über dem Genfersee

Nach dem letzten, etwas steileren Stück stehe ich schliesslich am Gipfelkreuz auf 2331 Metern über Meer. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Die Welt unter mir ist winzig klein geworden. Vor mir breitet sich das Panorama in seiner vollen Pracht aus: Der Genfersee glänzt in der Ferne, die Dents du Midi ragen stolz empor und im Süden zeigen sich die weissen Riesen der Walliser Alpen, meine vertraute Heimat.

Hier oben nehme ich mir Zeit. Ich setze mich in das Gras, schliesse für einen Moment die Augen und lasse das Autogene Training wirken. Die Sonne auf der Haut, der Wind, der leise um den Gipfel streicht – das ist der Moment, in dem ich Energie tanke. Der Kopf wird frei, die Sorgen des Alltags verblassen. Das ist es, was ich unter „calm your mind“ verstehe.

Der Weg zurück ins Tal

Der Abstieg erfordert noch einmal meine volle Aufmerksamkeit, besonders im felsigen Teil. Doch mit der Ruhe im Rücken, die ich am Gipfel gefunden habe, fühlt sich jeder Schritt leicht an. Ich wähle für den Rückweg die Route über die Mayen, vorbei an den urchigen Alphütten, wo die Zeit stillzustehen scheint.

Müde, aber mit einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit kehre ich nach Leysin zurück. Die Tour d’Aï hat mir einmal mehr gezeigt: Wenn wir uns bewegen, kommt auch im Inneren etwas in Fluss. Die Mühen des Aufstiegs werden durch die gewonnene Sicherheit und die mentale Freiheit mehr als wettgemacht.

Marina Kraus, Gründerin von maremountain, Wanderleiterin SBV und Entspannungstrainerin.

Marina Kraus

maremountain trägt die Handschrift von Marina, die als Wanderleiterin SBV und Co-Präsidentin der ASAM-Sektion Oberwallis ihre tiefe Verbundenheit zum alpinen Raum und zum hohen Norden teilt.

Als Dipl. Tourismus- und Sportmanagerin vereint sie professionelles Business-Know-how mit der Leidenschaft für das echte Naturerlebnis, während sie als Entspannungstrainerin für die nötige Ruhe am Berg sorgt. Ob auf versteckten Pfaden im Wallis oder an den rauen Küsten Norwegens – Marina schafft Momente, die weit über den Gipfel hinausreichen und das Draussensein zu einer ganz persönlichen Erfahrung machen.
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