Von Leukerbad auf die Alte Gemmi

Ein persönlicher Streifzug durch die Gemmiwand
Marina Kraus, Gründerin von maremountain, Wanderleiterin SBV und Entspannungstrainerin.
Marina Kraus
Outdoor
May 2026
Es gibt Wege, die fordern unsere Ausdauer und schenken uns im Gegenzug einen freien Kopf. Die Wanderung von Leukerbad hinauf zur Alten Gemmi ist ein solcher Weg. Vorbei an den beeindruckenden Abgründen der Gemmiwand führt die Route in die abgeschiedene Welt des Furggentälti.

Unten in Leukerbad ist noch alles in ein sattes Grün getaucht. Doch wer den Blick nach oben wendet, sieht die mächtigen, fast senkrecht abfallenden Felswände. Mitten hindurch schlängelt sich der historische Wanderweg in kühnen Kehren nach oben. Dass wir heute so sicher durch diese Wand steigen können, verdanken wir den mutigen Planern des 18. Jahrhunderts, die den Weg regelrecht in den Fels sprengten.

Mit jedem Höhenmeter, den ich in der Felswand gewinne, verändert sich die Perspektive. Das Dorf tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Die markanten Hausdächer werden kleiner, bis sie nur noch wie Spielzeug wirken. Es ist ein befreiendes Gefühl. Während der Puls gleichmässig schlägt, bleibt der Ballast des Alltags mit jedem Meter weiter unten zurück. Hier zählt nur der nächste Schritt, der feste Tritt auf dem Fels und das bewusste Durchatmen.

Eine neue Welt am Pass – und eine beinahe verbaute Zukunft

Oben am Gemmipass angekommen, passiert etwas Magisches. Die Enge der Felswand öffnet sich schlagartig und macht Platz für eine völlig neue Welt. Der Blick schweift über das weite Plateau, über den glitzernden Daubensee bis hin zu den schneebedeckten Gipeln der Walliser Alpen am Horizont.

Kaum vorstellbar, wenn man heute die Stille am See geniesst: In den 1960er-Jahren gab es ernsthafte Pläne, hier eine Autobahn inklusive eines riesigen Tunnels zu bauen. Man träumte von einer schnellen Verbindung zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis. Ein Autotunnel unter der Gemmi hätte diese unberührte Landschaft für immer verändert. Zum Glück siegte die Vernunft, und das Projekt wurde 1970 endgültig begraben. So blieb uns diese Oase der Ruhe erhalten.

Eintauchen ins Furggentälti

Ich lasse die Panorama Terrasse der Gemmi Lodge hinter mir und suche die Abgeschiedenheit. Ich laufe ein kurzes Stück am Ufer des Sees entlang und biege dann auf einen schmalen Pfad ab, der mich steil bergauf führt. Unterhalb der majestätischen Plattenhörner tauche ich ein in das Furggentälti. Von einem Moment auf den anderen bin ich ganz allein. Der Trubel der Gondelstation liegt schon weit hinter mir. Ich bewege mich zwischen archaischen Schutthalden und grossen Geröllblöcken.

Der Weg führt nun spektakulär eng unterhalb der steilen Felswand der Plattenhörner entlang. Hier oben spüre ich die Ehrfurcht vor der Natur besonders stark. Aufgrund des möglichen Steinschlags halte ich mich nicht zu lange auf, bleibe fokussiert und gehe zügig, aber mit bedachten Schritten weiter. Sicherheit und Achtsamkeit gehen hier Hand in Hand.

Ankommen auf der Alten Gemmi: Wo Geschichte atmet

Und dann erreiche ich sie: die Alte Gemmi. Dies war der ursprüngliche, weitaus beschwerlichere Passübergang. Bevor der heutige Weg 1742 fertiggestellt wurde, war der Aufstieg von Leukerbad her ein echtes Wagnis. Die historische Bedeutung dieses Ortes ist fast greifbar. Wer mehr über die faszinierende Geschichte des Gemmipasses und die alte Wegführung erfahren möchte, findet dort spannende Einblicke in die Zeit, als die Überquerung noch ein echtes Abenteuer war.

Die Aussicht von hier oben ist schlichtweg unglaublich. Direkt gegenüber ragen die stolzen Viertausender in den Himmel und tief unter mir liegt Leukerbad, winzig klein und weit weg. Die Plattenhörner wirken von diesem Standpunkt aus noch eindrücklicher. Ich nehme mir viel Zeit, um das Ambiente und vor allem die tiefe Ruhe zu geniessen. Es ist ein Ort zum Ankommen und zum Loslassen.

Der bewusste Abstieg

Für den Rückweg wähle ich bewusst den gleichen Weg. Ich lasse die moderne Infrastruktur sprichwörtlich links liegen. Ich möchte das Erlebnis nicht durch eine Gondelfahrt abkürzen, sondern die Tour bis zum Ende auskosten. Kehre für Kehre und Stufe für Stufe steige ich wieder hinunter nach Leukerbad.

Müde, aber unendlich glücklich komme ich am späten Nachmittag wieder am Ausgangspunkt an. Die Mühen haben sich definitiv gelohnt. Mein Körper ist angenehm erschöpft, aber mein Geist ist so klar wie die Bergluft dort oben.

Ausblick: Die Magie der Nacht erleben

Wenn du die Gemmi einmal in einem ganz anderen Licht – oder besser gesagt, im sanften Schein des Mondes – erleben möchtest, dann begleite mich bei der Schweizer Wandernacht. Wir wandern gemeinsam durch die Dunkelheit, finden Orientierung unter dem Sternenhimmel und geniessen die ganz besondere Stille der Nacht. Ein Erlebnis, das dir zeigen wird, wie viel Sicherheit und Ruhe du in dir selbst finden kannst.

Marina Kraus, Gründerin von maremountain, Wanderleiterin SBV und Entspannungstrainerin.

Marina Kraus

maremountain trägt die Handschrift von Marina, die als Wanderleiterin SBV und Co-Präsidentin der ASAM-Sektion Oberwallis ihre tiefe Verbundenheit zum alpinen Raum und zum hohen Norden teilt.

Als Dipl. Tourismus- und Sportmanagerin vereint sie professionelles Business-Know-how mit der Leidenschaft für das echte Naturerlebnis, während sie als Entspannungstrainerin für die nötige Ruhe am Berg sorgt. Ob auf versteckten Pfaden im Wallis oder an den rauen Küsten Norwegens – Marina schafft Momente, die weit über den Gipfel hinausreichen und das Draussensein zu einer ganz persönlichen Erfahrung machen.
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