Wanderung aufs Violenhorn

Eine frühlingshafte Grenzwanderung in der Moosalpregion
Marina Kraus, Gründerin von maremountain, Wanderleiterin SBV und Entspannungstrainerin.
Marina Kraus
Outdoor
June 2026
Manche Touren sind grenzwertig, diese hier eher grenzlastig. Das Violenhorn oberhalb von Bürchen ist ein wahrer Grenzberg und bietet ein unvergessliches 360° Panorama über die Moosalpregion.

Ein tiefer Atemzug. Nichts als Stille um mich herum. Es ist Mitte Mai, Zwischensaison in den meisten Bergdestinationen. Und es ist ein ruhiger Morgen in Bürchen, auf 1400 Metern über Meer. Während die majestätischen Berggipfel ringsum noch weisse Kappen tragen, erwacht die Natur rund ums Dorf langsam zum Leben. Die Wiesen leuchten schon in allen Farben, junge Blätter zappeln im sanften Wind und die hellgrünen Lärchennadeln strahlen so intensiv, dass ich den Blick kaum abwenden kann.

Was liegt da näher als eine ausgedehnte Frühlingswanderung in meiner neuen Homebase, der Moosalpregion?

Von der Moosalp Richtung Gipfel

Mit dem Auto geht es von Bürchen in knapp 20 Minuten hinauf bis zur Moosalp. Wo sich im Sommer und Winter während der Saison das Leben tummelt, herrscht jetzt eine ziemlich unaufgeregte Ruhe. Nur ein paar kälteresistente Rennvelofahrer bezwingen die Passstrasse, ansonsten gehört die Natur heute mir.

Mein heutiges Ziel hat viel mit Grenzen zu tun. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine „grenzwertige“ Tour, denn sie führt mich genau an den Punkt, an dem die drei Walliser Gemeinden Unterbäch, Bürchen und Törbel aufeinandertreffen: auf das Violenhorn. Im lokalen Dialekt wird der Gipfel auch March genannt. Das Wort stammt aus dem Alemannischen und bedeutet so viel wie Mark oder Grenze.

Bevor ich dort oben ankomme und die weite Aussicht geniessen kann, gilt es, gute 850 Höhenmeter zu bewältigen. Direkt neben dem Parkplatz biege ich in den Wanderweg ein. Die ersten Meter führen noch über breites Pistengelände und Fahrstrassen, doch schon bald biegt der Pfad auf schmale Singletrails ab. Hier oben, weit über dem Alltag, liegt teilweise noch der Schnee vom Winter und verdeckt Wege und Wanderzeichen. Ich finde mich dennoch zurecht und geniesse es, in der Ruhe aufzusteigen.

Auf gut 2500 Metern ü.M. stehe ich vor einem grösseren, steilen Schneefeld. Ich habe keine Lust auf eine Rutschpartie, weshalb ich durch einen kurzen Abstecher ins Gelände eine neue Spur lege, in der ich die steilsten Stellen leicht umgehen kann.

Mondlandschaft und Gipfelglück auf der March

Ich folge dem Rücken, der genau die Gemeindegrenze zwischen Bürchen und Törbel markiert. Mit zunehmenden Höhenmetern flacht das Gelände langsam ab. Die Schneefelder lassen sich hier oben einfacher umgehen, doch die Landschaft verändert ihr Gesicht komplett: Mal über rauen Fels, mal über knirschenden Schnee erreiche ich schliesslich mein Gipfelziel, das Violenhorn auf 2871 Metern. Violen – also Veilchen – suche ich hier oben in der kargen, steinigen Kulisse, die mich irgendwie an eine Mondlandschaft erinnert, allerdings vergeblich.

Dafür entschädigt der Blick im Grossen für alles. Ich drehe mich langsam im Kreis und staune. Der Blick nach Nordwesten fällt tief hinunter ins Rhonetal, wo man vermutlich schon im T-Shirt sitzen kann, während hier oben ab und an noch ein Schneeflöckchen vom Himmel fällt. Von West über Süd bis Ost lasse ich meinen Blick über die noch tief verschneiten Gipfel der Augstbordregion schweifen. Hinter meinem Rücken zeigt sich das majestätische Bietschhorn von seiner schüchternen Seite und versteckt sich beharrlich in den dichten Wolken oberhalb der Lötschberg-Südrampe.

Und dann ist da diese Stille. Eine Stille, die man im Tal oft vergebens sucht. Kein Verkehr, keine Hektik. Nur der Wind streicht sanft über den Grat und hinterlässt ein leises Rauschen. Sonst nichts. Einfach durchatmen, ankommen und loslassen.

Ich suche mir ein windgeschütztes Plätzchen zwischen den Felsen, mache es mir gemütlich.

Für den Abstieg entscheide ich mich für dieselbe Route. Da der Nordhang am Hienergrätji eher im Schatten liegt, ist unklar, wie viel Altschnee dort noch liegt. Und da ich heute keine Lust habe Grenzen auszutesten, bleibe ich auf Sicherheit der sicheren Seite.

Auf den weichen Schneefeldern komme ich im Abstieg zügig voran. Schon bald erreiche ich den Punkt 2299, der förmlich nach einer weiteren kurzen Rast ruft. Die Aussicht von hier aus fliesst das Tal hinauf bis ins Goms – ein unschlagbarer Logenplatz. Mit neuer Energie nehme ich die letzten Höhenmeter in Angriff, überschreite die Grenze zurück vom alpinen Gelände in die Zivilisation und erreiche glücklich und mit ganz viel innerer Klarheit wieder den Parkplatz auf der Moosalp.

Wenn Grenzen uns wachsen lassen

Die frühlingshafte Grenzwanderung in der Moosalpregion war ein absolut perfektes Erlebnis, das mir wieder einmal gezeigt hat, wie wichtig das richtige Timing und ein gutes Gespür für die Verhältnisse in den Bergen sind. Der Frühling in den Bergen ist oft eine Phase des Übergangs, voller unvorhersehbarer Bedingungen.

Auf dieser Tour hätte der Altschnee im steilen Gelände schnell zu einer unüberwindbaren Grenze werden können. Wäre der Schnee weicher oder gefrorener gewesen, hätte es vielleicht kein Weiterkommen gegeben. Für dieses Mal waren die Verhältnisse jedoch perfekt.

Die Berge zeigen uns auf eindrückliche Weise unsere eigenen Grenzen auf. Ich empfinde es oft so, als laden sie uns ein, innezuhalten, die Situation ruhig zu analysieren und Schritt für Schritt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen, um eine gute Entscheidung treffen zu können.

Marina Kraus, Gründerin von maremountain, Wanderleiterin SBV und Entspannungstrainerin.

Marina Kraus

maremountain trägt die Handschrift von Marina, die als Wanderleiterin SBV und Co-Präsidentin der ASAM-Sektion Oberwallis ihre tiefe Verbundenheit zum alpinen Raum und zum hohen Norden teilt.

Als Dipl. Tourismus- und Sportmanagerin vereint sie professionelles Business-Know-how mit der Leidenschaft für das echte Naturerlebnis, während sie als Entspannungstrainerin für die nötige Ruhe am Berg sorgt. Ob auf versteckten Pfaden im Wallis oder an den rauen Küsten Norwegens – Marina schafft Momente, die weit über den Gipfel hinausreichen und das Draussensein zu einer ganz persönlichen Erfahrung machen.
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